Interview mit Harald Sicheritz   
Interview mit Daniel Glattauer

Wie und warum kamen Sie auf die Idee, den Roman von Daniel Glattauer zu verfilmen?
Ganz einfach. Der Produzent Andreas Hruza hat mich angerufen und gefragt, ob ich den Roman lesen und ihm danach sagen würde, ob ich mir einen Film dazu vorstellen könne.

Was hat Sie daran fasziniert?
Erstens, dass ich selbst wohl kaum auf diese Idee gekommen wäre. Es tut der Kunst von Autoren-Regisseuren durchaus gut, wenn sie nicht nur am eigenen Herd kochen. Zweitens mag ich Gerichtssaaldramen immer schon. Drittens ist "Darum" spannend grotesk, weil hier fast alles genau umgekehrt ist wie sonst.

Wie gestaltete sich die Arbeit am Drehbuch bzw. die Zusammenarbeit mit Agnes Pluch?
Agnes Pluch ist ein Profi. Sie hat die schwierigen Schritte vom Roman zum Drehbuch souverän getan. Erst dadurch war es mir möglich, meine filmische Interpretation in das Skript einzubringen. Ich denke, "Darum" ist durch unsere Zusammenarbeit eine sehr klare, erfreuliche Antwort auf die alte Streitfrage "Roman verfilmen – ja oder nein?" geworden.

Was waren die Hauptprobleme bei der Drehbuchadaption? Wie sehr war der Stoff schon Film-tauglich und wo musste "nachgeholfen" werden?
Der Roman ist mit Humor, Ironie und leichter Hand erzählt – und das durchgängig in den Gedanken seines Helden. Das fordert Autoren und Regisseur gewaltig, weil das Wesentliche in eine andere, in eine Filmsprache übersetzt werden muss. Idee und Setup waren absolut filmtauglich. Die Hauptfigur brauchte jedoch mehr "Außen", mehr sichtbare Kontur.

Wie lief die Zusammenarbeit mit Daniel Glattauer? Wie sehr war er involviert – in der Drehbuch- bzw. in der Drehphase?
Daniels Mitarbeit war vor allem in der ersten Phase – vom Roman zum Drehbuch – unverzichtbar. Nur er, als spiritus rector des Ganzen, konnte beantworten, was aus dem Roman nicht eindeutig herauszulesen ist. Ich habe den Eindruck, dass für ihn der gesamte Prozess spannend war. Das hat er auch bei seinen Besuchen am Set vermittelt. Leider konnte ich ihn nur zu einem Sekundenauftritt im Hintergrund überreden, aber Insider werden ihn erkennen.

Was ist für Sie das Besondere an der Figur des Jan Haigerer?
Jemand, der wie Jan Haigerer im Verborgenen, von seinen nächsten Menschen unbemerkt, im Saft des eigenen Fanatismus bis zur Explosion hochkocht, ist ein zeitlos interessanter Charakter. Gerade jetzt, wo die Welt noch ärger vom Terrorwahn als vom Terror heimgesucht wird, hat einer wie er besondere Aktualität.

Die Handlungen einer Figur können ja noch recht einfach visualisiert werden - aber wie sieht es mit den Gedanken aus?
Das Schönste und zugleich Gefährlichste an der Filmkunst ist die Vielzahl ihrer Mittel. Ich meine, dass sich ein Film nur dann klar erzählt, wenn man sich ebenso klar für die zu verwendenden Erzählmittel entscheidet. "Darum" visualisiert Gedanken nur im Ansatz, lässt Raum fürs eigene Weiterspinnen. Mir erschien es besser und fruchtbarer, die geheimnisvolle, schweigsame Hauptfigur in den Menschen ihres Umfelds zu spiegeln. Wenn wir uns mit seinem Verteidiger identifizieren können, erleben wir mit ihm auch Jan Haigerer aus der Nähe. Dasselbe gilt z. B. für alle Zeugen, die vor Gericht aussagen.

Warum haben Sie auf eine Off-Stimme verzichtet?
Mir kam für diesen Film eigentlich nie eine Off-Stimme in den Sinn – vielleicht weil ich den Film von Anfang an als eine Art Albtraum gesehen habe. Und in meinen Träumen kommen, soweit ich mich erinnere, niemals Off-Stimmen vor.

Es kommen mehrere "Top Shots" vor, aus der Vogelperspektive. Was hat es damit auf sich?
Top Shots haben immer etwas Distanziertes, Grafisches. Sie verstärken im Film auch die physische und emotionale Situation, in der sich Jan Haigerer zumeist befindet – er ist eingezirkelt, eingeschlossen.

Können Sie etwas über die Locations sagen, das Gefängnis, den Gerichtssaal? Und über die Zusammenarbeit mit Ihrem Kameramann Thomas Kiennast?
Thomas und ich haben uns schon verschiedenen Herausforderungen gestellt – Werbung, Serienfolgen, Film. Dabei kommt keine Routine auf. Im Gegenteil, wir verlangen immer mehr voneinander. Besseres kann man über eine kreative Beziehung wohl nicht sagen. In der Diskussion ist uns bald klar geworden, dass eine moderne Gefängniszelle die Wucht eines altertümlichen Gerichtssaals perfekt ergänzt – zu jener seltsamen Behauptung von zeitloser Gerechtigkeit, an der die Hauptfigur schließlich scheitert.

Ist "Darum" so etwas wie ein "Gerichtssaal"-Thriller? Wie sehr haben Sie sich an diesem aus Hollywood sehr bekannten Genre orientiert?
"Darum" ist ein Gerichtssaal-Thriller, allerdings mit einem absurden Setup – der Protagonist bringt jemanden um, gesteht das, liefert die Tatwaffe ab und hat trotzdem größte Schwierigkeiten, verurteilt zu werden. Die Geschichte ist abgehoben genug, deshalb wollte ich die Darstellung des Umfelds so realitätsnah wie möglich, also europäisch haben. Das heißt, die US-amerikanischen Courtroom Dramas konnten uns kein Vorbild sein.

Es fällt auf, dass mehrere Hauptrollen mit deutschen Schauspielern besetzt sind? Hat das einen besonderen Grund – vielleicht einen markttechnischen?
Wer meine Filme kennt, weiß, dass mir Sprache und Kolorit sehr wichtig sind. "Darum" bot beim Casting den Vorteil, dass die Geschichte in jedem Land Europas spielen könnte. Dass nach monatelangen Überlegungen etliche deutsche Staatsbürger in tragenden Rollen besetzt wurden, war einzig und allein Zufall. Wer als Österreicher glaubt, damit am deutschen Markt, bei Verleihern, Kritikern oder Publikum groß punkten zu können, hat keine Ahnung vom massiven Kino- und TV-Imperialismus unserer Nachbarn.

Gibt es etwas, was deutsche Schauspieler besser können als österreichische?
Oh ja. Deutsche Schauspieler können viel herzlicher über unsere Sprache lachen als wir über ihre.

"Darum" ist nicht gerade das, was man einen "typischen" Sicheritz-Film nennen würde. Was meinen Sie dazu?
Ich halte "Darum" für einen durchaus typischen Sicheritz-Film – auch dieser versucht, Menschen mit Zwischentönen zu zeichnen, in der Psychologie nachvollziehbar präzise und niemals künstlich zu sein. Das Publikum hat es mir gedankt, dass man in etlichen meiner Filme auch lachen konnte. Ich halte aber die Kinobesucher (von einer verkrampften Minderheit abgesehen) nicht für so einfältig, dass sie dies von jedem meiner Filme im gleichen Maß erwarten würden.

Wie wird es für Sie weitergehen? Werden Sie wieder "Kabarettfilme" drehen oder ist das Thema für Sie abgeschlossen?
Ich habe in meinem Leben noch gar nichts abgeschlossen, außer einem Studium und Verträge – deshalb bin ich auch offenbar nicht fähig, das sinnfreie Etikett "Kabarettfilm" zu verstehen. Ich hoffe, dass "es" für mich schon noch irgendwie weitergeht. Sollte damit "Filme machen" gemeint sein, wäre es mir die größte Freude. Deshalb arbeite ich auch heftig an neuen Projekten.

Überlegen Sie sich im Vorhinein, wie viele Zuschauer sich einen Ihrer Filme anschauen werden?
Selbstverständlich, besonders in Neumondnächten. Vor circa einem Jahr habe ich dabei das einzig todsichere Erfolgsrezept gefunden und als echter Patriot sofort dem ORF geschenkt. Dort arbeitet man jetzt damit – ich muss mich hingegen mit denselben Mitteln durchschlagen wie alle anderen Filmemacher auch.

Wie sind Ihre Erwartungen für "Darum"?
Dieselben wie bei allen Filmen, die ich bislang verwirklichen konnte: Ich wünsche mir, dass jeder Zuschauer nach dem Ansehen das Gefühl hat, seine Zeit sinnvoll verbracht zu haben und das so laut wie möglich weitersagt.